Versuch 48
Die gelbe Spritze
Die Flüssigkeit in der Spritze ist gelb. Gelb und trüb, als hätte sich etwas darin aufgelöst, das nicht in einen menschlichen Körper gehörte. Ich weiß, was sie sein soll.
Ein Heilmittel. Das Heilmittel.
Das hat er jedenfalls versprochen, nachdem er mich mit der ersten Spritze krank gemacht hat. Die Flüssigkeit darin ist klar gewesen. Kurz darauf hat das Fieber begonnen.
Ich habe den Verlauf draußen oft genug gesehen, um zu wissen, dass es immer mit dem Fieber beginnt. Danach schwellen die Lymphknoten an. Unter den Achseln. Am Hals. In der Leiste. Harte Knoten unter der Haut, die größer werden, bis jede Bewegung wehtut. Später färben sich die Fingerspitzen und Zehen dunkel, kurz bevor die Nägel abfallen. Die Haut wird fleckig. Violett und schwarz, manchmal grün. Bei manchen beginnt sich die Haut an diesen Stellen zu lösen. Sie fällt einfach ab.
Und irgendwann kommt der Geruch. Süßlich. Faul. Als würde der Körper bereits verwesen, während der Mensch darin noch lebt. Zumindest weiß man dann, dass es in wenigen Tagen zu Ende ist.
Seit gestern habe ich einen Knoten an der Innenseite meines linken Arms. Heute Morgen ist einer unter meinem Kinn dazugekommen.
Der Mann mit der Gasmaske steht neben meiner Liege und hält die gelbe Spritze gegen das Licht. Ich beobachte jede Bewegung seiner Hände. Sie sind ruhig und routiniert.
"Ist das das Heilmittel?"
Sein Atem rauscht langsam und gleichmäßig durch die Filter der Maske.
Khhhh-Schhhhk.
Er antwort nicht. Er antwortet nie.
Khhhh-Schhhhk.
"Sie haben gesagt, Sie könnten mich heilen." Ich ziehe an den Gurten um meine Handgelenke.
Er senkt die Spritze. In den Gläsern seiner Maske sehe ich mein eigenes Gesicht. Blass und nass vor Schweiß.
"Bitte."
Er packt meinen Arm. Ich zucke zusammen, als die Nadel in meine Haut sticht.
"Stopp."
Der Mann drückt den Kolben hinunter und die gelbe Flüssigkeit verschwindet in mir.
Kälte kriecht meinen Arm hinauf und einen Moment lang hoffe ich, das wäre alles. Doch dann beginnt mein Herz schneller zu schlagen.
Ohne den Blick auch nur eine Sekunde von mir abzuwenden, tritt er einen Schritt zurück und zieht ein kleines Diktiergerät aus seiner Tasche.
"Versuch 48. Verabreichung um 2:17 Uhr. Zehn Milliliter Präparat C-174."
Ich will etwas sagen, aber meine Zunge fühlt sich plötzlich zu groß an.
"Erste Reaktion nach zwölf Sekunden."
Hitze breitet sich in meiner Brust aus. Nicht wie das Fieber, sondern wie Feuer, das mich von innen heraus verbrennt. Ich schnappe nach Luft.
"Erhöhte Atemfrequenz."
Meine Finger beginnen zu zittern. Dann meine Arme. Kurz darauf bebt mein ganzer Körper.
"Deutlicher Tremor."
Er sieht mich durch die Gläser seiner Maske an.
"Puls einhundertsechsundvierzig."
Schmerz zieht meinen Rücken hinauf. Meine Muskeln spannen sich an, bis ich glaube, meine Knochen würden brechen. Ich halte es nicht mehr aus und schreie.
Er hebt das Diktiergerät näher an seine Maske.
"Starke Schmerzreaktion", sagt er, als würde er über ein Laborratte sprechen.
Tränen laufen mir über die Schläfen und in die Ohren, während ich immer noch unkontrolliert zucke.
Er sieht auf die Uhr.
"Zwei Minuten."
Er tritt näher. Für einen Moment glaube ich tatsächlich, er würde mir helfen. Stattdessen liest er nur die zahlreichen Geräte ab, die an mir angeschlossen sind.
"Puls einhundertfünfundsiebzig."
Ich hasse ihn. In diesem Moment hasse ich ihn noch mehr als die Seuche.
Dann hört der Schmerz plötzlich auf. Meine Muskeln werden weich. Das Feuer in meiner Brust ist verschwunden. Ich liege da und sehe in die dunklen Augen hinter der Gasmaske.
Der Mann schweigt, als würde auch er warten.
Das Fieber. Ich spüre es nicht mehr.
"Ich glaube …" Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. "Ich glaube, es funktioniert."
Der Mann beugt sich über mich. Zum ersten Mal glaube ich, hinter der Maske etwas Menschliches zu erkennen.
Er hebt das Diktiergerät.
"Vier Minuten nach Verabreichung. Körpertemperatur fällt."
Ich beginne zu lachen. Ein schwaches, erschöpftes Lachen, aber das erste seit Tagen.
Dann sieht er auf die Stelle, an der die Nadel in meiner Haut gesteckt hat. Kurz setzt seine dumpf-zischende Atmung aus.
Ich folge seinem Blick.
Unter meiner Haut bewegt sich etwas. Eine dunkle Linie kriecht langsam meine Vene entlang.
Der Mann schweigt einige Sekunden. Dann hebt er das Diktiergerät wieder an seine Maske.
"Neue Reaktion." Er tritt einen Schritt zurück. "Beginnende Gewebsverfärbung."
"Was bedeutet das?" Mein Puls beschleunigt sich erneut.
Er antwortet nicht. Stattdessen spricht er wieder in das Diktiergerät.
"Versuch 48 vermutlich gescheitert."
von Belinda Ebener
Gespräch
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