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Lorem Ipsum

Ein bedeutender Fund

Der große Saal des Museums für außerplanetare Archäologie war für gewöhnlich ein ruhiger Ort. Nicht so an diesem Abend.

Unter der hohen, milchig schimmernden Kuppel drängte sich, was auf Jelun Rang, Titel oder Einfluss besaß. Mitglieder der Akademien standen neben Vertretern des Zentralrats, Direktoren der großen Forschungsinstitute neben Sammlern seltener Artefakte. Zwischen ihnen bewegten sich die dunkel gekleideten Angestellten des Museums mit Tabletts, um den Gästen Apfelsaft feinster Qualität zu servieren. Importiert direkt von der Erde.

Überall wurde gesprochen. Seit Wochen hatte das Museum kaum mehr als Andeutungen veröffentlicht. Ein Fund von außergewöhnlicher Bedeutung. Eine Neubewertung der späten menschlichen Kultur. Materielle Belege für eine der ältesten Streitfragen der außerplanetaren Archäologie. Mehr hatte man nicht erfahren.

An der Stirnseite des Saales erhob sich eine niedrige Bühne. Hinter ihr hing ein schwarzer Vorhang, ungewöhnlich schwer für die sonst so raffinierte Architektur des Museums. Darüber schwebte in hellen Zeichen der Titel der neuen Sonderausstellung.

LOREM IPSUM

Darunter, kleiner:

Der Text der Menschheit

Vor dem Vorhang stand ein Rednerpult. Rechts und links davon lagen, auf langen Sockeln aus hellem Stein, die bereits bekannten Stücke der Lorem-Ipsum-Sammlung. Ein Buch. Ein dünner, halbtransparenter Kunststoffbogen. Ein aufgeschlagener Katalog.

Die meisten Gäste hatten diese Gegenstände bereits gesehen. Einige von ihnen hatten sie sogar selbst untersucht. Trotzdem blieben immer wieder Besucher vor ihnen stehen, beugten sich über die Schutzfelder und betrachteten die Wörter, die seit fast zweihundert Umrundungen einen unverhältnismäßig großen Teil der menschheitsgeschichtlichen Forschung beschäftigten.

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Als das Licht im Saal sank, verstummten die Gespräche beinahe augenblicklich. Seitlich der Bühne öffnete sich eine schmale Tür, und Direktor Savel trat hervor.

Sein Alter zeigte sich weniger in seiner Haltung als viel mehr in den hellen Linien entlang seiner sechs kurzen Beine.

„Geschätzte Mitglieder der Akademien. Verehrte Freunde und Gäste des Museums.“ Seine Stimme wurde ohne sichtbare Verstärkung durch den Saal getragen.

„Es gibt Funde, die Antworten geben.“ Eine kurze Pause. „Und es gibt Funde, die eine Frage nur größer machen.“

Hinter ihm erschien die Abbildung einer vergilbten Buchseite.

„Vor einhundertdreiundachtzig Umrundungen wurde bei der Ausgrabung einer menschlichen Siedlung auf dem europäischen Kontinent ein Buch geborgen.“

Einige der Gäste wandten den Blick zur nun beleuchteten Vitrine am rechten Bühnenrand.

„Es war kein außergewöhnliches Buch. Im selben Gebäudekomplex wurden mehr als sechstausend bedruckte Objekte katalogisiert. Die überwiegende Mehrheit konnte innert kürzester Zeit sprachlich zugeordnet werden.“

Auf der Projektion wurden einzelne Textstellen markiert.

„Dieses ebenfalls.“ Savel hob eine Hand. „Bis auf eine Seite.“

Die Darstellung vergrößerte sich. Schwarze Zeichen auf gelblichem Papier.

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„Die erste Untersuchung klassifizierte die Sprache als beschädigtes Latein. Eine naheliegende Schlussfolgerung. Zahlreiche Wörter besitzen lateinische Wurzeln. Einzelne Formulierungen lassen sich mit antiken menschlichen Texten in Verbindung bringen.“

Die nächste Zeile wurde hervorgehoben.

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„Doch der Text widersetzte sich jeder vollständigen Übersetzung. Grammatische Strukturen brechen ab. Wörter erscheinen in veränderter Form. Mein Kollege und persönlicher Freund Xinel war der erste der versuchte den Text zu übersetzen. Nachdem er fast drei Umrundungen an den Text gearbeitet hatte, kam er immer noch zu dem Ergebnis: Bedeutung ungeklärt.“

Die Projektion verschwand. Die acht Augen des Direktors schweiften über die versammelte Gesellschaft. 

„Damit hätte die Geschichte enden können.“

Neben dem Buch wurde nun der dünne Kunststoffbogen beleuchtet und eine entsprechende Projektion erschien.

„Siebenundzwanzig Umrundungen später wurde dieses Objekt gefunden.“

Einige Köpfe drehten sich.

„Katalognummer LBT-17.“ Auch Savel warf dem Objekt einen kurzen Blick zu. „Ein industriell gefertigter Übertragungsträger aus einem polymeren Material. Unsere Rekonstruktionen zeigen, dass die darauf befindlichen Zeichen durch mechanische Reibung auf andere Oberflächen übertragen werden konnten.“

Auf der Wand hinter ihm erschien eine Rekonstruktion des Vorgangs. Ein dünnes Blatt über Papier. Als ein Werkzeug darüber fuhr, blieb die Schrift auf dem Papier zurück.

„Mit anderen Worten: Die Menschen stellten Geräte her, deren Zweck darin bestand, bereits vorbereitete Texte auf andere Gegenstände zu übertragen.“

Nun erschien der Text des Bogens.

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„Derselbe Text.“ Savel ließ die Worte einen Moment stehen. 

„Damit war klar, dass der Fund aus dem Buch keine zufällige Beschädigung und keine einmalige sprachliche Anomalie sein konnte. Die Menschen vervielfältigten Lorem Ipsum industriell.“ Er wandte sich dem Publikum zu. „Warum?“

Eine seiner mit Saugknöpfen bestückten Hand umklammerten jetzt das Rednerpult. 

„Es entstanden zahlreiche Hypothesen. Ein juristischer Standardtext. Eine Formel für Handelsgeschäfte. Ein Lehrtext. Ein Merktext. Eine zeremonielle Wendung.“

Die Projektion wechselte. Der aufgeschlagene Katalog auf dem zweiten Sockel wurde beleuchtet.

„Dann kam Rotterdam.“

Bei dem Namen ging eine kaum merkliche Bewegung durch den Saal. Jeder kannte Rotterdam.

„Vierundachtzig erhaltene Seiten. Hundertsiebenundzwanzig unterschiedliche Schriftformen.“

Hinter Savel erschienen sie nebeneinander. Schmale Zeichen. Breite Zeichen. Serifen. Keine Serifen. Aber immer die selben Worte.

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„Zum ersten Mal konnten wir beobachten, dass nicht nur derselbe Text wiederholt wurde. Er wurde bewusst in unterschiedlichste graphische Formen übertragen.“

Savel deutete zur Projektion.

„Seit diesem Fund gehen die meisten von uns davon aus, dass Lorem Ipsum für die Menschen einen standardisierten Charakter besessen haben muss.“

Er lächelte schwach.

„Worüber wir uns keineswegs einig waren, war die Frage, welcher Art dieser Standard gewesen sein könnte.“

Einige Gäste lächelten zurück. Über diese Frage wurde seit Umrundungen heftigste diskutiert. Einem Professor, der die groteske Vermutung äußerte, es handle sich nur um eine Art Mustertext, wurde sogar Titel und Rang aberkannt. 

„Warum verwendeten Menschen auf verschiedenen Kontinenten dieselben Worte? Warum wurden sie industriell auf Übertragungsträgern produziert? Warum erscheinen sie in Büchern? Warum überdauerte diese Praxis Generationen?“

Savel schwieg. Hinter ihm stand nur noch eine einzige Zeile.

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„Bis heute hatten wir darauf keine Antwort.“

Savel sah zum schwarzen Vorhang hinter sich. Er hatte die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen im Raum. Selbst jene Gäste, die vorher gelangweilt oder höflich interessiert gewirkt hatten, richteten sich auf.

„Vor neun Umrundungen begann eine gemeinsame Expedition unseres Museums und der Universität von Varell mit Untersuchungen in den Überresten einer menschlichen Stadt in Nordamerika.“

Auf der Projektion erschien die Aufnahme einer Grabungsstätte.

„Die Fundstelle galt zunächst als wenig ergiebig. Der größte Teil der oberirdischen Strukturen war durch Wasser, Frost und biologische Besiedlung zerstört.“

Ein Lageplan erschien. Ein kleiner Bereich wurde markiert.

„Unterhalb eines eingestürzten Gebäudeteils entdeckte das Team jedoch einen abgeschlossenen Hohlraum. Trocken. Dunkel. Nahezu ohne Luftaustausch.“

Savel blickte kurz zu den Wissenschaftlern in der ersten Reihe.

„Darin befanden sich vierzehn Papierobjekte.“

Eine Pause.

„Drei davon verändern unsere Vorstellung von Lorem Ipsum.“

Der ganze Raum schien die Luft anzuhalten.

„Seit nahezu zweihundert Umrundungen fragen wir, was Lorem Ipsum für die Menschheit bedeutete.“

Hinter ihm fiel der Vorhang lautlos zu Boden. 

Sämtliche Gäste schienen gleichzeitig nach Luft zu schnappen, als die Vitrine enthüllt wurde. Sie nahm beinahe die gesamte Breite der Bühne ein. Ihr Material war so klar, dass es aus der Entfernung kaum sichtbar erschien. Feine Linien aus weißem Licht zeichneten Temperatur, Druck, Feuchtigkeit und Gaszusammensetzung entlang ihres unteren Randes nach. In ihrem Zentrum schwebten drei kleine Broschüren.

Die erste trug ein Kreuz.

Bei der zweiten waren Schrift und Gestaltung anders. Anstelle des Kreuzes war ein Mondsichel abgebildet.

Die dritte war schlichter. Nur einige wenige der Anwesenden erkannten das Rad mit den acht Speichen.

Savel sagte nichts. Mehrere Sekunden lang ließ er das Publikum nur sehen. Dann öffneten sich die Broschüren innerhalb der Vitrine. Nicht die Originale selbst. Über jedem Objekt entstand eine vergrößerte dreidimensionale Projektion seiner Innenseiten.

Drei Layouts. Drei Gestaltungen. Drei religiöse Symbole.

Und darunter drei nahezu identische Textblöcke.

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Ein Geräusch ging durch den Saal. Es war jenes unwillkürliche Murmeln, das entstand, wenn viele intelligente Wesen im selben Augenblick dieselbe Schlussfolgerung zogen. Savel ließ es geschehen.

„Broschüre A stammt aus einer christlichen Gemeinschaft.“

Die erste Projektion wurde heller.

„Broschüre B aus einer islamischen.“

Die zweite.

„Broschüre C aus einer buddhistisch.“

Die dritte.

„Ihre Theologien unterscheiden sich. Ihre Rituale unterscheiden sich. Ihre Vorstellungen von Schöpfung, Offenbarung, Tod und göttlicher Ordnung unterscheiden sich.“

Savel sah die Broschüren an, dann wieder sein gebanntes Publikum.

„Und dennoch verwendeten sie denselben Text.“

Er hob einen Finger.

„Nicht eine verwandte Formulierung. Nicht ein ähnliches Gebet. Denselben Text.“

Er machte eine Pause.

„Lorem Ipsum war nicht nur global verbreitet, es war auch religionsübergreifend. Kulturübergreifend. Menschheitsübergreifend.“

Er ließ das Wort kurz im Raum stehen. 

„Wir können selbstverständlich nicht behaupten, dass Lorem Ipsum sämtliche Glaubenssysteme der Menschheit ersetzte. Die materiellen Belege reichen dafür nicht aus.“

Seine Stimme blieb ruhig. Gerade dadurch wirkten die nächsten Worte umso größer.

„Was wir jedoch erstmals behaupten können, ist Folgendes.“

Hinter ihm wurden die drei Broschüren wieder geschlossen. Kreuz, Mondsichel und Rad.

Darüber erschien eine einzige Zeile.

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„Am Ende ihrer Geschichte existierte unter den Menschen ein Text, der die Grenzen ihrer Religionen überschritt. Sie druckten ihn. Sie stellten Werkzeuge her, um ihn zu verbreiten. Sie bewahrten seinen Wortlaut, während sie seine Form veränderten.“

Savel blickte über die Reihen.

„Wir können Lorem Ipsum immer noch nicht übersetzen. Aber wir sind seiner Bedeutung für die Menschheit näher gekommen.“

Jetzt begann der Applaus. Innerhalb weniger Atemzüge stand die gesamte Halle.

Savel trat vom Pult zurück. Hinter ihm schwebten die drei kleinen Broschüren im sterilen Licht der Vitrine. Auf ihren Seiten standen Worte, die kein Mensch je für heilig gehalten hatte.

Und über der Bühne leuchtete der Titel der Ausstellung.

LOREM IPSUM

Der Text der Menschheit

von Belinda Ebener

Gespräch

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