Schnörkel
Horror

Gottes Wille

Wo Gerechtigkeit zur Bestie wird

Sein Atem bildete eine warme, feuchte Fahne, während er durch die regnerische Nacht raste. Sein Herz hämmerte im Takt seiner Schritte, als würde es gleich zerspringen. Nicht wegen der körperlichen Anstrengung – nein, es war die Ekstase die ihn antrieb. Sie ließ ihn laufen. Unermüdlich. Unaufhaltsam. Wie ein Feuer, das alles verschlang. 

Gott… er hatte es genossen. Der Geschmack des frischen Blutes hing noch immer in seinem Mund. Eisen, leicht salzig und dennoch das Köstlichste, das je seine Zunge berührt hatte. Wie konnte etwas, das von so einem widerwärtigen Wesen stammte, so königlich schmecken?

Die Erinnerung an die Angst im Blick des Alten, als er ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, trieb ihn nur noch schneller an. Er wusste gar nicht wohin mit der ganzen Energie.

Ob jemand gesehen hatte, wie er den Alten zur Kirche getrieben hatte? Ob jemand die Schreie, das Flehen oder die leeren Gebete des scheinheiligen Bastards gehört hatte? Oder sein Bellen und Knurren, als er seine Beute in die Enge getrieben hatte? Eigentlich unvorstellbar, dass es niemand mitbekam. Doch vielleicht ahnten die Bewohner ja, welch Monster ihr guter Hirte doch eigentlich war.

Oh, wie gerne hätte er dem Alten die Worte ins Ohr geflüstert, die er so oft selbst von ihm zu hören bekommen hatte. Die Worte, die er so sehr zu hassen gelernt hatte.

„Hab keine Angst. Das alles ist Gottes Wille.“ 

Und beim Rest seiner Seele – was heute Nacht passiert ist, war Gottes Wille. Daran bestand kein Zweifel. Warum sonst, hatte er diese wundervolle Gabe erhalten? Wer außer Gott selbst hätte die Macht, ihm eine solche Kraft zu verleihen? 

Nie wieder sollte auch nur eine Träne wegen des Alten vergossen werden. Nie wieder sollte der Priester mit seinen schmutzigen Händen und giftigen Worten die Unschuld berühren.

Seine Pfoten trieben ihn immer weiter, immer schneller tief in den Wald hinein. Weit hinter ihm schlug eine Kirchenuhr dreimal. Er antwortete mit drei von Triumph erfüllten Heulern.


Am nächsten Morgen fand die treue Sakristanin ihre kleine Kirche mit weit geöffneter Tür vor. Aus dem Inneren schoss ihr ein kühler, von Unheil geschwängerter Duft entgegen. Die Heiligenbilder waren übersät mit Blutspritzern. Die Marienstatue vor dem Altar sah aus als würde sie Blut weinen, während sie stumm auf den reglosen Körper unter ihr blickte.

Der Schrei der Sakristanin zerriss den stillen Schleier, der über dem erwachenden Dorf lag. "Das ist die Hölle", dachte sie, bevor sie das Bewusstsein verlor und sich den Kopf an einer Kirchenbank aufschlug.

Wenig später hatte sich das ganze Dorf um den Schauplatz versammelt. Ein kleiner Junge hielt die Hand seiner Mutter fest umklammert, als diese durch die Menschenmasse lief.

„Das muss ein Wolf gewesen sein.“

„Nein, kein Wolf hat so große Krallen!“

„Es hat sein Herz gefressen.“

„Das ist das Werk des Teufels.“

„Welch Tragödie.“

Brav folgte er seiner Mama und verschlang jedes Detail. Dieses vertraute Kribbeln kroch zurück in seine Brust, als er hörte, was der Sakristanin widerfahren war. Er hätte die Frau nicht getötet, doch welch Ironie es doch war, dass ausgerechnet sie – die immer wegsah – so enden musste.

Der Griff seiner Mama wurde stärker. Als er merkte, dass sie weinte zog er sanft an ihrer Hand. „Mama, du musst nicht traurig sein. Das alles ist Gottes Wille.“

von Belinda Ebener

Gespräch

Kommentare

Old bone

Packend, spannend, überraschend, blutig....
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