Schnörkel
Fantasy

Flamme des Lebens

Nur wer fällt, lernt zu fliegen

Meine Zeit ist gekommen.

Und wenn ich zurückblicke, so tue ich es nicht mit Wehmut, sondern mit Freude und Dankbarkeit. Mein Leben war lang. Länger, als ich einst zu träumen wagte. Ich habe geliebt, verloren, gekämpft und vergeben. Ich habe mehr gesehen, als meine Augen je zu erblicken hofften, und mehr gelernt, als mein Herz zu fassen vermochte.

Mein Leib trägt die Spuren all dessen.

Jede Narbe erzählt eine Lektion. Jede Wunde hat ihre Geschichte. Ich trage sie nicht als Zeichen meiner Schwäche, sondern als Abzeichen eines gelebten Lebens. Und keine davon war umsonst. Jede hat mich etwas gelehrt. Über die Welt, über das Leben und am Ende über mich selbst.

Doch nun bin ich müde.

Meine Schwingen sind schwer, meine Knochen sehnen sich nach Ruhe. Ich habe lange genug den Himmel durchquert. Lang genug bin ich mit dem Wind geflogen.

Nun ist es Zeit, nach Hause zu gehen.

Ich kehre zu meinem Nest zurück, zu jener alten Klippe, von der ich vor so langer Zeit meinen ersten Flug antrat. Dort trage ich mein Hab und Gut zusammen, um mich damit dem Feuer zu übergeben.

Es soll alles nehmen.

Meine Fehler und meine Siege. Meine Freude und mein Leid. Meine Liebe und meine Trauer. Das Feuer verzehrt mich, verschlingt meinen alten Leib und mit ihm alles, was ich gewesen bin.

Bis nur noch Asche und Rauch übrig bleiben.

Tief in mir spüre ich es. Die Glut beginnt sich zu regen. Wie lange habe ich geschlummert? Meine Zeit ist gekommen. Da bin ich mir sicher. Ich kann sie spüren – die Flamme in mir. 

Ich strecke meine Glieder, erhebe mich aus der Asche.

Mein Feuer entfacht. Die Welt kann kommen.

Der Wind bläst mir entgegen, schürt das Feuer in mir. Ich kann nicht mehr warten und strecke meine Flügel aus.

Da packt mich der Wind.

Er reißt mich kopfüber aus meinem Nest. Ich stemme mich dagegen, versuche meine Flügel zu strecken, meinen Kopf hochzubekommen. Doch der unbarmherzige Griff der Schwerkraft lässt mich nicht los.

Der Wind fegt an mir vorbei. Meine Flügel sind zu schwach, um sich dagegen zu wehren.

Ich schlage auf. Mein Körper zerschellt. Mein Feuer erlischt.

Und wieder bleibt nur die Asche zurück.


Die Glut ist noch schwach. Ein Funke in mir regt sich. Ich wache auf. Doch etwas ist falsch. Ich bin noch zu schwach. Ich sinke zurück in die Dunkelheit und ruhe erneut.


Ich weiß nicht, wie lange ich schlief, bis mich die Glut erneut erwachen ließ. 

Das Leben ist da. Ich spüre, wie es durch meine Adern fließt, und strecke vorsichtig meinen Kopf aus der Asche.

Ich liege am Boden. Tief unter meinem Nest, von wo ich jetzt eigentlich starten sollte. Ich höre den Wind heulen, doch hier unten erreicht er mich nicht.

Meine Flügel sind schwach. Viel zu schwach. Die Glieder eines Kükens. Ich kann so nicht starten. Wie soll ich so jemals fliegen? Wie soll ich mich jemals vom Boden lösen? Ganz ohne Wind und Training im Gleitflug.

Doch ich übe. Ich schlage mit meinen Flügeln. Tag für Tag. Immer wieder und wieder versuche ich mich vom Boden zu lösen. Ich werde stärker, doch es reicht einfach nicht. Ich brauche den Wind. 

Ich sehne mich nach meinem Nest. Nach dem Wind, der dort weht und mich tragen könnte. Ich weiß, dass ich hinauf muss.

Also beginne ich zu klettern. Mit Schnabel und Kralle zerre ich mich die Felsklippe hinauf. Doch mein Schnabel ist noch weich, mein Körper zu schwer. Er reißt ein. Meine zu schwachen Krallen brechen ab. Doch ich klettere weiter. Und ich schaffe es hinauf.

Verletzt und geschunden. Noch vor meinem ersten Flug.

Wäre es nicht besser, mich erneut der Asche zu übergeben? Diesen verletzten Körper abzulegen und neu geboren zu werden? Ein neues Ich. Ohne Narben. Ohne Schmerzen.

Da küsst mich der Wind und heißt mich willkommen. Er nährt die Flamme in mir und ich weiß: Ich muss seinem Ruf folgen.

So trete ich an den Abgrund und lasse mich fallen. Denn nur im Sturz kann man das Fliegen lernen. Als ich meine Flügel ausbreite, sind sie stark. Und sie tragen mich.

Ich werde zum Feuer. Zur Flamme des Lebens.

von Belinda Ebener

Gespräch

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