Schnörkel
Fantasy

Die Laterne

Eine Flamme gegen die Dunkelheit

Seit über hundert Jahren brannte am Rand des Adahtwaldes jeden Abend eine Laterne.

Man erzählte sich, ihr Licht halte das Böse fern. Denn tief im Wald lauerte ein Unheil, das über die Stadt hereinbrechen würde, sollte die Flamme eines Nachts aus bleiben.

Der Dienst des Laternenhüters wurde seit Generationen in Fenjas Familie weitergegeben. Wie schon ihre Vorfahren machte auch sie sich jeden Abend auf den Weg, um die Laterne zu entzünden.


Fenja rannte.

Der schmale Weg unter ihren Füßen war längst zu einem verschwommenen Band aus Erde, Wurzeln und feuchtem Gras geworden.

Vor ihr, zwischen den ersten knorrigen Bäumen des Waldes, stand die Laterne.

Ihre Kehle brannte trocken. Bei jedem Einatmen kratzte die kalte Abendluft bis tief in ihre Brust. Das Stechen in ihrer Seite wuchs. Sie achtete nicht darauf. Sie durfte nicht darauf achten.

Zu spät.

In ihrem Kopf kreiste nur der eine Gedanke.

Zu spät. Zu spät. Zu spät.

Über den Baumwipfeln war der Himmel bereits dunkler geworden. Das letzte Rot des Abends lag nur noch als schmaler Streifen am Horizont. Darüber zeichneten sich bereits die ersten Sterne ab.

Die Laterne kam näher.

Nur noch wenige Dutzend Schritte.

Fenja spürte ihren Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Ihre Lunge schien zu klein für die Luft, die sie hineinzwang.

Endlich.

Fenja erreichte die Laterne und blieb so abrupt stehen, dass ihre Knie beinahe unter ihr nachgaben. Für einen Moment konnte sie nichts anderes tun, als sich vornüberzubeugen und nach Luft zu ringen. Doch nur für einen Moment.

Fenja griff in ihre Tasche. Ihre Hände zitterten.

Der Schlüssel.

Ihre Finger schlossen sich darum, doch für einen Augenblick bekam sie ihn nicht zu fassen. Zu zittrig. Zu hastig.

„Komm schon.“

Sie setzte den Schlüssel an das Schloss.

Ein leises Knirschen ertönte, als sie ihn drehte. Das Schloss widersetzte sich ihr, als hätte es vergessen, wann es zuletzt geöffnet worden war. Fenja biss die Zähne zusammen und drehte kräftiger.

Knack

Das Schloss sprang auf. Sie atmete erleichtert aus.

Mit beiden Händen öffnete sie die kleine Tür der Laterne. Der schwache Geruch von altem Öl stieg ihr entgegen. Fenja zog den Zunder hervor, entzündete ihn und hielt die kleine Flamme schützend zwischen ihren Händen.

Goldenes Licht füllte die Laterne, warm und ruhig, und legte einen hellen Kreis auf den dunklen Weg. Die nächsten Baumstämme bekamen Farbe zurück, während dahinter der Wald schwarz und undurchdringlich blieb.

Fenja schloss die Tür. Ihre Hand blieb noch einen Moment auf dem kalten Metall liegen.

Sie hörte ihren eigenen Atem. Nicht mehr hastig. Nicht mehr keuchend. Langsam ließ sie die Schultern sinken.

Geschafft.

Fenja wollte sich gerade umdrehen, als es ihr auffiel.

Sie runzelte die Stirn.

Das Licht der Laterne reichte nur ein kleines Stück in den Wald hinein, doch gerade weit genug, um die Rinde einer alten Erle zu erkennen. Etwas daran stimmte nicht.

Sie trat näher.

In dem Stamm klaffte ein dunkles Loch.

„Eine Eulenhöhle?“

Sie neigte den Kopf und betrachtete die Öffnung. Sie war ungefähr auf Brusthöhe, rundlich und schwarz im Inneren. Tatsächlich sah sie auf den ersten Blick aus wie die Höhlung, in der sich ein Vogel zum Schlafen zurückziehen mochte.

Seltsam.

Fenja warf einen Blick zurück zur Laterne.

Wie hatte sie das nie bemerkt? Sie kam jeden Abend hierher. Abend für Abend hatte sie denselben Weg genommen, denselben Pfosten erreicht und dieselbe Laterne entzündet. Sie kannte jeden Stein, jede Wurzel, jeden knorrigen Ast in ihrer Nähe. Und diesen Baum? Den hatte sie noch nie gesehen.

Ein unangenehmes Gefühl kroch ihr über den Rücken. Fenja trat trotzdem näher.

Sie streckte die Hand aus und berührte den Rand. Die Rinde war kalt und rau unter ihren Fingern. Sie fuhr langsam daran entlang. Dann hielt sie inne.

„Das ist keine Höhle" ihre Stimme klang plötzlich viel zu laut in der Stille.

Fenja beugte sich näher heran. Die Aushöhlung war viel zu gleichmäßig. Nicht natürlich.

Sie verlief nicht einfach in den Stamm hinein. Die Seiten waren glatt, beinahe sauber gearbeitet. Unten und oben zeichneten sich gerade Linien ab, und je länger Fenja hinsah, desto deutlicher erkannte sie eine Form.

Sie richtete sich langsam auf.

Ihr Blick wanderte von der Öffnung zur Laterne.

Dann wieder zurück.

Fenja schluckte. Langsam griff sie nach der Laterne. Einen Moment zögerte sie.

Dann hob sie sie aus ihrer Halterung. Sie wusste selbst nicht, warum. Vielleicht war es Neugier. Vielleicht der Wunsch, endlich zu verstehen, was sie all die Jahre übersehen hatte.

Mit vorsichtigen Schritten trat sie an den Baum. Fenja hob sie an und setzte sie in die Aushöhlung.

Sie passte. So vollkommen, als wäre sie dafür gemacht worden.

Die Flamme im Inneren tanzte und zischte. Dann wurde sie schwarz. Nicht dunkelrot. Nicht erloschen.

Schwarz.

Fenja wich einen halben Schritt zurück. Das Feuer brannte noch immer. Schwarz wie der Raum zwischen den Sternen. Tief und vollkommen, ohne einen einzigen Schimmer von Farbe. Und doch ging von ihm Licht aus.

Es war Licht, das nicht von der Flamme zu kommen schien. Es rann über die Rinde des Baumes, legte sich auf Fenjas Hände und zeichnete die Konturen der Äste gegen den Nachthimmel.

Fenja konnte nicht wegsehen. Ihr Atem wurde ruhig. Zu ruhig.

Das schwarze Feuer bewegte sich kaum. Es flackerte nicht wie eine gewöhnliche Flamme. Es wogte nur ganz sacht, als würde etwas darin atmen.

Fenja trat näher.

Sie spürte keine Angst. Nur dieses seltsame Ziehen in ihrem Inneren.

Wie von selbst glitten ihre Finger zu ihrer Tasche. Sie spürte den rostigen Schlüssel, schloss die Hand darum und zog ihn hervor.

Ihre Finger legten sich um das kalte Metall.

Der Schlüssel glitt ins Schloss. Diesmal gab es keinen Widerstand. Kein Knirschen. Kein Knacken. Nur ein leises, beinahe sanftes Klicken. Das Schloss war offen.

Fenja hielt den Atem an.

Ihre Hand blieb auf dem Griff liegen. Dann zog sie die Tür auf.

Die schwarze Flamme war verschwunden.

Fenja blinzelte. Für einen Moment glaubte sie, die Dunkelheit hätte ihr die Sicht genommen. Doch nein. Da war kein Feuer mehr. Kein Docht. Kein Öl.

Nur ein Loch. Ein schwarzes, rundes Loch, das dort begann, wo eben noch die Flamme gebrannt hatte.

Sie blickte hinein. Und sah kein Holz. Keinen hohlen Stamm. Keine Dunkelheit.

Vor ihr lag ein ganzes Leben.

Erinnerungen bewegten sich in der Tiefe des Baumes, übereinander, nebeneinander, ineinander verschlungen wie ein Strom, der niemals zur Ruhe kam.

Ein Kind lachte. Fenja sah ein kleines Gesicht, rot vor Freude, während es über eine Wiese rannte. Irgendwo erklang eine Frauenstimme, die nach ihm rief.

Hände, die Teig kneteten. Ein Laib Brot, gerade aus dem Ofen gezogen. Der warme Duft von gebackener Kruste und Hefe schien plötzlich bis zu Fenja heraufzusteigen, so deutlich, dass ihr Magen sich zusammenzog.

Menschen tanzten. Kerzen brannten. Ein Hochzeitslied erklang, hell und schief gesungen, begleitet von Gelächter und klatschenden Händen.

Fenja starrte hinein. Es war, als würde sie durch tausend Fenster gleichzeitig sehen.

Ein Mann, der seine Tochter zum ersten Mal im Arm hielt.

Eine alte Frau, die am Kamin einschlief. Ihre Strickarbeit auf ihrem Schoss.

Zwei Liebende, die sich im Regen küssten.

Ein Junge, der mit blutigen Knien nach Hause kam und dafür von seiner Mutter ausgelacht und anschließend fest umarmt wurde.

So viele kleine Dinge.

Vergessene Leben.

Fenja konnte kaum atmen. All das war im Baum.

Keine Wärme. Kein Licht. Keine Hoffnung.

Stattdessen Schreie. Angst. Blut.

Hände, die gegen Türen hämmerten.

Menschen, die um ihr Leben flehten.

Gesichter, verzerrt vor Schmerz.

Erinnerungen, so grausam, dass Fenja instinktiv den Blick abwenden wollte. Doch sie konnte nicht.

Fenja verstand plötzlich. Die Laterne war niemals dazu da gewesen, das Böse fern zuhalten. Es war begraben und sie sorgte dafür, dass es so blieb. Nacht für Nacht. Flamme für Flamme. Mit jedem entzündeten Feuer wurde die Dunkelheit tiefer in den Baum gebannt.

Und wenn sie jemals freikam ... Fenja wusste nicht, was dann geschehen würde. Doch sie sah es in den Erinnerungen.

Wahnsinn

Menschen, die ihre Liebsten nicht mehr erkannten. Menschen, die vor Dingen flohen, die niemand sonst sehen konnte. Menschen, deren Verstand unter der Last all dessen zerbrochen war.

Der Baum bewahrte alles.

All den Schmerz. All die Angst. Und darüber lagen die kleinen, schönen Dinge eines vergessenen Lebens. Als hätte jemand all das Gute über das Böse gelegt und gehofft, dass es dadurch für immer verborgen bleiben würde.

Fenja starrte in die Tiefe. Und zum ersten Mal verstand sie, warum sie jeden Abend hierhergeschickt worden war. Warum die Laterne seit Generationen jede Nacht brennen musste.

Fenja riss den Kopf zurück. Sie taumelte einen Schritt nach hinten, dann noch einen.

Ihre Hand fuhr an ihre Brust. Ihr Herz schlug wild gegen die Rippen, als wollte es aus ihr heraus.

Fenja drehte sich um und ging einige Schritte, ohne zu wissen, wohin. Erst als sie den Baum nicht mehr sehen konnte, blieb sie stehen.

Sie atmete tief ein.

Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Etwas war geschehen. Etwas Wichtiges. Sie wusste es.

Sie wusste es mit einer Gewissheit, die tiefer saß als jeder Gedanke. Ihre Aufgabe war wichtig. Sie musste die Laterne jeden Abend entzünden. Sie durfte es nicht vergessen.

Aber ... Was hatte sie gerade getan?

Fenja runzelte die Stirn.

Sie sah zurück.

Der Baum stand still zwischen den anderen, dunkel und unscheinbar. Keine seltsame Aushöhlung. Keine schwarze Flamme. Kein Loch, das tief in etwas Unmögliches führte. Nur ein Baum.

Fenja blinzelte.

Warum war sie überhaupt dort hingegangen? Sie konnte sich nicht erinnern.

Ihr Blick fiel auf den Laternenpfahl. Die Laterne hing nicht mehr dort.

„Was ...?“

Verwirrt ging Fenja zurück. Und betrachtete den Pfosten. Leer.

Dann sah sie die Laterne am Fuße des Baums. Ihr Feuer brannte golden.

Wie war sie dorthin gekommen?

Fenja schüttelte den Kopf.

Je länger sie darüber nachdachte, desto weniger ergab es Sinn. Ihr Kopf fühlte sich plötzlich schwer an, als würde sie versuchen, sich an einen Traum zu erinnern, der bereits beim Aufwachen zerfallen war. Fenja schloss die Augen.

Nichts. Nur dieses Gefühl. Diese tiefe, unbeirrbare Gewissheit:

Die Laterne muss brennen.

Das war ihre Aufgabe. Sie durfte sie niemals vergessen.

Fenja nahm die Laterne und trug sie zurück zum Pfosten. Vorsichtig hängte sie sie an ihren Platz. Das Feuer brannte ruhig und golden. So, wie es immer brannte.

Fenja sah hinauf zu den Sternen. Sie war müde. Sehr müde. Also drehte sie sich um und machte sich auf den Heimweg.

Mit jedem Schritt entfernte sie sich weiter vom Wald.

Die Laterne muss brennen.

von Belinda Ebener

Gespräch

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