Schnörkel
Fantasy

Der Wächter des Waldes

Wo der Wald erwacht

Die Baumkrone über mir begann sich zu bewegen. Erst kaum merklich, wie von einem leichten Windhauch berührt. Doch mit jedem meiner Schritte wurde das Rascheln lauter, bis die Äste über mir zu tanzen schienen.

Die Bäume begannen zu flüstern. Ihre Sprache war uralt und geheimnisvoll. Ich verstand kein Wort. War es eine Einladung oder eine Warnung?

Ich ging weiter.

Plötzlich erwachte der Wald. Äste krümmten sich, Wurzeln brachen aus der feuchten Erde und schienen miteinander zu verschmelzen. Ich erstarrte.  

Aus dem Chaos schälte sich eine Gestalt. Erst schemenhaft, dann immer deutlicher: Hufe. Lange Beine. Ein gewaltiger Leib aus Rinde, Zweigen und Laub. Seine Augen glühten smaragdgrün in der Dunkelheit. Brombeerranken wanden sich um sein Geweih und formten eine Dornenkrone.

Mit jedem seiner Schritt hörte ich Zweige brechen und trockenes Laub knistern. Er kam näher.

Meine Knie gaben nach. Ich hatte ihn gefunden. Erhaben und Unsterblich.

Der Wächter des Waldes.

Ich senkte den Blick auf den feuchten, moosbedeckten Boden. Zu groß war die Angst, er könnte meine Absichten in meinem Gesicht lesen. Langsam glitt meine Hand unter den Mantel. Meine Finger tasteten nach der Harznadel.

Seine Hufe erschienen am Rand meines Blickfeldes. Dann blieb er stehen. Keine Armlänge trennte uns.

Mein Atem wurde flach. Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn, während sich meine zitternden Finger um die Harznadel schlossen. Ich beugte mich vor. Tiefer und tiefer, bis mein Oberkörper beinahe parallel zum Boden war.

Ein einziger Tritt seiner Hufe konnte mich erschlagen. Ein Stoß seines Geweihs mich durchbohren. Ich hatte nur eine Chance.

Ich spürte seinen Blick auf mir. Als könnte das grüne Feuer seiner Augen in mich reinschauen. Mein Griff um die Harznadel wurde fester. Jeder Muskel meines Körpers spannte sich an.

Mein ganzes Leben führte zu diesem Moment. 

Ich atmete tief ein. Der Geruch feuchter Erde erfüllte meine Lungen. Moos. Harz. Moderndes Holz. Schwer und würzig, alt wie der Wald selbst. Es war sein Duft. Der Duft seines Waldes. Der Duft seiner Magie.

Langsam ließ ich die Luft wieder entweichen. Das Zittern ließ nach.

Noch ein Atemzug. Dann wurde es still in mir. Meine Gedanken verstummten. Meine Hände waren ruhig.

Ich stieß zu.

Für einen Herzschlag schien die Zeit einzufrieren. Meine Hand schoss unter dem Mantel hervor. Der Wächter wich zurück.

Zu spät.

Die Harznadel war bereits gefüllt. Mit seinem Harz. Mit seiner Magie.

Augenblicklich begann sie sich in meiner Hand zu winden. Ihre Form zerfloss zwischen meinen Fingern. Metall wurde zu Federn, die schmale Spitze zu einem Schnabel. Eine Blaumeise flatterte aus meiner Hand. 

Der Wald reagierte sofort. Äste peitschten durch die Luft. Zweige griffen nach dem kleinen Körper. Das Blätterdach schloss sich wie eine Faust.

Doch die Meise war schneller. Ein letzter Flügelschlag und dann war sie verschwunden.

Geschafft. 

Für einen kurzen Moment musste ich lächeln. Mein Leben hatte seinen Zweck erfüllt. Mein Tod würde nicht sinnlos sein. Mein Lächeln erlosch. Ich wollte nicht sterben.

Der Wächter schlug zu.

Ich warf mich zur Seite.

Sein Huf traf dort auf, wo ich eben noch gestanden hatte. Mit einem trockenen Knall zerbarst der Stein unter ihm. Splitter schossen durch das Laub, und der gewaltige Huf grub sich tief in den Waldboden.

Ich rannte.

Wurzeln brachen vor mir aus der Erde. Äste schnellten zwischen den Stämmen hervor. Der Wald selbst griff nach mir.

Ich wich aus. Sprang. Duckte mich.

Hinter mir donnerte der Wächter durch das Unterholz. Jeder seiner Schritte ließ den Boden erbeben.

Ein Ast schlang sich um meinen Mantel. Der Stoff spannte sich um meinen Hals. Ohne nachzudenken, riss ich die Arme zurück, ließ den Mantel von meinen Schultern gleiten und lief weiter.

Meine Lungen brannten. Eine Wurzel brach unmittelbar vor mir aus dem Boden. Ich sprang. Bei der Landung knickte mein Fuß um. Pochender Schmerz schoss durch meinen Knöchel, als ich zu Boden ging.  Feuchte Erde schlug mir entgegen. Für einen Moment sah ich nur Moos und schwarze Erde.

Dann hörte ich ihn.

Näher.

Ich biss die Zähne zusammen, stemmte mich hoch und rannte weiter.

Zu langsam.

Äste packten mich. Schlangen sich um meine Beine und Arme. Ich zerrte an den lebenden Fesseln. Vergeblich.

Die Schritte kamen näher. Ich sah nach hinten. Zwischen den Bäumen glühten zwei smaragdgrüne Augen.

Es hatte keinen Sinn. Mir blieb nur noch eine Möglichkeit.

Mein ganzer Körper begann zu zittern, als ich meine Magie sammelte. Sie strömte durch meine Glieder, heiß und wild. Meine Lungen verkrampften sich. Mein Atem stockte.

Dann zerbrachen meine Knochen. Ich schrie.

Der Schrei verstummt plötzlich, als als meine Kehle aufhörte zu existieren.

Mein Körper löste sich auf. Fleisch wurde zu Federn. Nägel zu Krallen. Knochen zu winzigen, hohlen Gerüsten. Jede einzelne Zelle brannte.

Ich zerfiel.

Aus einem wurden viele. Und doch war jedes von ihnen noch ich.

Das Geweih des Wächters durchbohrte meinen Rücken in dem Augenblick, in dem mein Körper in Dutzende Blaumeisen auseinanderbrach.

Drei Teile von mir blieben aufgespießt an seinem Geweih zurück.  Ein weiteres Ich wurde von den Ästen zerquetscht, die mich eben noch festgehalten hatten. Der Rest stieg auf.

Unter mir brüllte der Wächter. Der Laut war tief und gewaltig. Fern ab von menschlich oder tierisch. Der ganze Wald schien mit ihm zu schreien.

Äste schlugen nach mir. Blätter wirbelten durch die Luft. Ich wich aus. Ein Teil von mir wurde getroffen. Dann noch einer. Sieben von mir schafften es nicht durch das Blätterdach.

Ich spürte jedes einzelne von ihnen verschwinden,  doch ich flog weiter.

Dann brach ich durch die Baumkronen. Sonnenlicht traf meine Federn. Warm, blendend und wunderschön. Nach der Dunkelheit des Waldes fühlte es sich beinahe unwirklich an.

Ein warmer Wind erfasste mich. Ich breitete meine zahlreichen Flügel aus und ließ mich von ihm tragen.

Vor mir, klein gegen den weiten Himmel, flatterte die andere Blaumeise.

Die Harznadel. Gefüllt mit der Magie des Wächters.

Ich folgte ihr.

von Belinda Ebener

Gespräch

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