Der Ruf des Herzens
Ein Band, das bleibt
ich hoffe von Herzen, dass dieser Brief dich gut erreicht. Wie geht es dir? Und wie geht es Nadjina? Ich denke oft an euch beide, häufiger, als es meine viel zu seltenen Briefe vermuten lassen.
Mein Studium läuft gut. Die Tage sind lang, die Nächte oft noch länger, und manchmal glaube ich, dass die Bücher hier mehr Geheimnisse in sich tragen, als ein Mensch in einem einzelnen Leben ergründen kann. Doch deshalb schreibe ich dir heute nicht.
Mama … erinnerst du dich an Joren? Was für eine überflüssige Frage. Natürlich erinnerst du dich an ihn. Wie könntest du auch nicht?
Ich habe von ihm geträumt.
Ich weiß, was du sagen wirst. Ich habe schon früher von Joren geträumt. Alle paar Monde hat er sich in all den Jahren in meine Träume geschlichen.
Aber diesmal war es anders. Ich kann es mir nicht erklären. Es ist ein Gefühl. Ein Ruf beinahe. Seit jener Nacht lässt er mich nicht mehr los. Es ist, als würde etwas tief in meinem Innersten nach ihm schreien. Als hätte sich jenes unsichtbare Band, das mich schon mein ganzes Leben mit ihm verbindet, plötzlich gespannt. Und nun zieht es an mir, beharrlich und unerbittlich, als wolle es mich über Berge, Wälder und Täler hinweg zu ihm führen.
Es fällt mir schwer, Mama. Schon während ich diese Worte niederschreibe, komme ich mir beinahe albern vor.
Ich kenne den Menschen, der Joren heute ist, schließlich nicht einmal. Sieben Jahre sind vergangen, seit ich ihn zuletzt gesehen habe. Noch länger, seit wir wirklich miteinander gesprochen haben. So viele Jahre können aus einem Menschen einen Fremden machen.
Und alles, was ich über sein heutiges Leben weiß, sagt mir, dass wir kaum verschiedener sein könnten. Ein Jäger und eine Magiekundige. Schon diese beiden Worte nebeneinander wirken beinahe wie der Anfang eines schlechten Scherzes. Was sollten wir füreinander sein? Irgendetwas, für das mir selbst der Name fehlt? Es ergibt keinen Sinn.
Und trotzdem, Mama. Ich erinnere mich an alles an ihm. An den Klang seiner Stimme. An die Art, wie er ging, als würde jeder Weg vor ihm nur darauf warten, bezwungen zu werden. An sein Lachen. Und vor allem an dieses eigentümliche Gefühl von Glückseligkeit, das mich immer erfüllte, wenn er in meiner Nähe war. Als wäre seine bloße Anwesenheit etwas Vertrautes. Etwas, das zu mir gehörte. Manchmal erscheint es mir, als hätte sich sein Wesen selbst in mein Gedächtnis gebrannt.
Versteh mich bitte nicht falsch. Ich liebe ihn nicht. Zumindest glaube ich das nicht. Vielleicht wäre Liebe sogar das einfachere Wort. Das gewöhnlichere. Das weniger beängstigende. Was zwischen uns liegt, fühlt sich älter an als Liebe. Tiefer. Als wäre diese Verbindung nicht zwischen uns erschaffen worden, sondern längst vorhanden gewesen, ehe wir beide überhaupt unseren ersten Atemzug getan haben. Wie ein feiner Faden, hineingewebt in das Geflecht der Welt. Falls es so etwas überhaupt geben kann.
Ach, Mama. Es ist schrecklich.
Manchmal muss ich mich zwingen, nicht einfach aufzustehen, meine wenigen Sachen zu nehmen und noch in derselben Nacht aufzubrechen. Bei den Göttern, ein Teil von mir sehnt sich so sehr danach, diesem Ruf nachzugeben, dass es beinahe wehtut.
Und gleichzeitig habe ich solche Angst.
Wenn ich jetzt gehe, weiß ich nicht, ob ich jemals zurückkehren könnte. Mein Studium wäre vorbei. Nachtschatten wäre bereit. Das weiß ich. Ein Wort von mir, und sie würde mich tragen, wohin immer ich wollte. Doch wenn ich mein Studium abbreche, fühlt es sich an, als würde ich sie verraten. Schulde ich es ihr nicht, so viel zu lernen, wie ich nur kann?
Und dann ist da noch eine andere Angst. Eine, an die ich kaum zu denken wage.
Was, wenn Joren dieses Band gar nicht spürt? Was, wenn es nur in mir existiert? Ich weiß nicht, was schlimmer wäre. Niemals herauszufinden, wohin dieses Band mich führen will oder ihm zu folgen und am Ende festzustellen, dass auf der anderen Seite niemand daran zieht. Ich weiß nicht, ob mein Herz das ertragen könnte.
Bitte, Mama. Ich brauche deinen Rat. Vielleicht brauche ich auch einfach nur deine Worte. Du hast es immer geschafft, Ordnung in all die Dinge zu bringen, die sich in meinem Kopf zu einem unentwirrbaren Knäuel verknoten.
Sag mir. Ist es töricht, einem Gefühl zu folgen, das keinen vernünftigen Namen trägt? Oder wäre es noch törichter, einen Ruf zu ignorieren, der vielleicht nur ein einziges Mal im Leben erklingt?
In Liebe und mit all meiner Sehnsucht nach Zuhause
deine Sanjra
von Belinda Ebener
Gespräch
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