Der nächtliche Helfer
Manche Geheimnisse schlafen nie
„Ich glaube, ich werde verrückt. Aber du musst mir glauben. Es ist wirklich passiert.“
Lea nippte an ihrem dampfenden Tee.
„Gestern Abend habe ich noch ein Bad genommen. Und ich schwöre dir, ich habe das Fenster im Badezimmer offen gelassen. Hundertprozentig. Heute Morgen war es zu.“
Ihre Freundin öffnete den Mund, doch Lea hob sofort eine Hand.
„Nein. Ich bin nicht noch mal aufgestanden und habe es geschlossen. Und nein, ich habe auch nicht vergessen, es zu öffnen. Die Badezimmertür war zu, die Luft trocken. Also muss das Fenster offen gewesen sein. Und das ist nicht das erste Mal.“
Sie holte tief Luft.
„Letzte Woche lag morgens meine Jacke in der Garderobe. Obwohl ich sie abends auf dem Sofa liegen gelassen hatte. Und zweimal waren meine Essensreste, die ich einfach in der Pfanne gelassen hatte, am nächsten Morgen ordentlich in Schüsseln gepackt und im Kühlschrank.“
Lea schüttelte den Kopf.
„Und ich schwöre dir, ich habe mein Essen noch nie so weggeräumt. Dafür bin ich viel zu faul.“
„Vielleicht schlafwandelst du.“
„Nein.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich beim Schlafwandeln wohl kaum plötzlich anfangen würde, den Haushalt zu machen. Oder? Nimmt man beim Schlafwandeln neue Gewohnheiten an?“
Janine zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Schlafwandler machen die seltsamsten Dinge.“
Lea seufzte.
„Ich glaube, ich hole mir eine Kamera.“
„Eine Kamera?“
„Was, wenn wirklich jemand in meiner Wohnung ist?“
Janine schüttelte den Kopf.
„Glaube ich nicht. Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand Nacht für Nacht bei dir einbricht, ohne dass du oder einer deiner Nachbarn etwas bemerkst.“
Sie nahm einen Schluck Tee.
„Und zweitens: Wer bricht irgendwo ein, nur um den Haushalt zu machen?“
„Irgendetwas geht da vor sich.“ Lea stellte ihre Tasse ab. „Ich will einfach wissen, was. Sonst kriege ich bald kein Auge mehr zu.“
Janine stellte ebenfalls ihre Tasse ab und sah Lea prüfend an.
„Soll ich dir meine Vermutung erzählen?“
Lea zögerte.
„Das klingt jetzt schon nicht gut.“
„Auch wenn es vielleicht ein bisschen albern klingt?“
Lea nickte.
Janine beugte sich leicht vor.
„Ich glaube, du hast einen Hauselfen.“
Lea starrte sie an.
„Einen was?“
„Einen Hauselfen.“
„Wie bei Harry Potter? Janine , bitte.“
„Nein, nicht wie bei Harry Potter.“ Janine blieb vollkommen ernst. „Ich meine es ernst. Es gibt kleine Wesen, die nachts heimlich Arbeiten erledigen. Sie sind gutmütig.“
Lea blinzelte.
„Und woher willst du das wissen?“
„Weiß ich nicht.“
„Das macht es nicht gerade überzeugender.“
„Du solltest ihnen jedenfalls ab und zu etwas Süßes und ein Glas Milch hinstellen. Als Dank für ihre Hilfe.“
Lea sah sie fassungslos an.
Janines Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie das vollkommen ernst meinte.
„Das … ist verrückt.“
Janine nahm seelenruhig ihre Tasse.
„Verrückter als putzende Einbrecher?“
So albern sie sich dabei auch vorkam, Lea folgte dem Rat ihrer Freundin und stellte abends eine Schüssel mit Keksen und ein Glas Milch auf den Esstisch. Daneben legte sie einen Zettel.
„Für meinen nächtlichen Helfer.“
Und tatsächlich: Am nächsten Morgen waren die Kekse und die Milch verschwunden. Teller und Glas standen sauber im Küchenschrank, und der Zettel war unauffindbar.
Der nächste Test sollte endgültige Klarheit schaffen.
Lea stellte das Bügelbrett samt einem Haufen Wäsche ins Wohnzimmer. Anschließend verstreute sie im ganzen Schlafzimmer Mehl auf dem Boden. So viel, dass es unmöglich sein sollte, nachts aus dem Bett zu kommen, ohne deutliche Spuren zu hinterlassen.
Doch statt Antworten erhielt Lea am nächsten Morgen nur noch mehr Fragen.
Das Mehl war verschwunden. Kein einziger Krümel war mehr zu finden. Als wäre nie welcher dort gewesen.
Die Wäsche war gebügelt und ordentlich in den Schränken verstaut – genau so, wie Lea es selbst getan hätte.
Trotzdem war ihr nun klar, dass weder Schlafwandeln noch ein Hauself hinter den nächtlichen Veränderungen stecken konnten.
Denn auf ihrem Wohnzimmertisch stand ein Strauß aus dreiunddreißig Rosen. Daneben lag ein Zettel.
„Für das Licht in meinem Leben.“
Eine Stunde später stand Lea mit Janine beim Elektrohändler und kaufte zwei Überwachungskameras. Eine fürs Wohnzimmer, mit Sicht auf die Tür, und eine fürs Schlafzimmer.
Drei Nächte verbrachte Lea bei Janine . Nichts geschah.
In der vierten Nacht beschloss sie, nach Hause zurückzukehren.
Den ganzen Abend bekam sie weder Essen noch Trinken hin. Ihr Körper war wie erstarrt. Die ersten Stunden saß sie wach im Bett.
23:00 Uhr.
00:00 Uhr.
Nichts.
Um halb drei beschloss sie, sich eine Goldene Milch zu kochen, um ihre Nerven zu beruhigen. Sie schloss sich damit im Schlafzimmer ein und fand schließlich doch noch Schlaf.
Draußen war es bereits hell, als das Klingeln ihres Handys sie weckte. Sie ging nicht ran. Sie konnte nur auf die offenstehende Schlafzimmertür starren.
Ihr Schrecken wuchs, als sie die Kameraaufnahmen überprüfte. Sie sah sich selbst dabei zu, wie sie zu Bett ging. Dann, keine fünfzehn Minuten später, wurde das Bild schwarz.
Einfach so. Als hätte ihr Besucher genau gewusst, wo die Kameras standen, und sie mit einem Tuch bedeckt, bevor sie ihn aufzeichnen konnten.
Lea sah sich die Stelle immer wieder an.
Immer wieder.
Dann blieb ihr der Atem weg.
Die Galle stieg ihr hoch, als sie die Silhouette im Fenster sah, kurz bevor das Bild schwarz wurde.
Unverkennbar ein Mensch.
Groß.
Und er kam direkt aus der Badezimmertür.
Das Video reichte der Polizei, um Lea zu glauben.
Auf der Suche nach Antworten nahmen sie die gesamte Wohnung regelrecht auseinander. Und sie wurden in jedem Raum fündig. Mikrofone und Kameras. Versteckt in Lampen, Vorhangstangen und Möbeln, so geschickt angebracht, dass sie nahezu unsichtbar waren.
Im Badezimmer entdeckten sie einen Durchgang. Hinter dem Spiegel verborgen. Gerade groß genug, dass ein erwachsener Mann sich hindurchzwängen konnte.
Der Durchbruch führte in die angrenzende Wohnung. Dort fanden die Ermittler stundenlanges Videomaterial.
Aufnahmen von Lea. Und von ihrem Besucher. Sie sahen, wie er ihren Haushalt erledigte. Wie er ihre Wäsche bügelte. Ihr Essen wegräumte. Aber auch, wie er an ihrem Bett stand und sie beim Schlafen beobachtete. Wie er sich zu ihr legte.
Außerdem fanden die Ermittler ein starkes Sedativum. Offenbar hatte der Besucher es in Leas Goldene Milch gemischt, damit sie Nacht für Nacht schlief, ohne etwas zu bemerken.
Doch der Mann wurde nie gefunden. Laut der Hausverwaltung stand die Wohnung seit Jahren leer.
von Belinda Ebener
Gespräch
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