Schnörkel
Horror

Das Muzzelchen

Von Monstern und Ängsten

Ben lag bis zur Nasenspitze unter seiner Decke. Nur seine Augen waren zu sehen. Große, wache Augen, die in das Halbdunkel seines Zimmers starrten.

Das Licht der Straßenlaternen verlieh seinem Kinderzimmer einen silbernen Glanz. An der Wand bewegten sich die Schatten der Äste, sobald draußen der Wind durch die Bäume strich. Ganz langsam glitten sie über die Tapete, über die Kommode und über den Haufen Plüschtiere, der sich neben ihm türmte. 

Ein weißer Hase mit langen Schlappohren, zwei Bären, ein viel zu dicker grüner Drache und ein kleiner Fuchs, dessen Fell vom vielen Kuscheln längst nicht mehr richtig flauschig war. Ben hatte sie dicht an sich herangeschoben, Schulter an Schulter, als müssten sie heute Nacht besonders gut auf ihn aufpassen.

Ben schluckte schwer und kontrollierte, ob seine Füße wirklich gut verpackt waren. Man durfte sie nicht draußen lassen. Das wusste er. Das Monster unter dem Bett griff nämlich nach Füßen, die unter der Decke hervorschauten.

Also zog Ben die Knie an und wickelte die Decke einmal fest um seine Beine. Nur um sicherzugehen. Dann ließ er sich wie eine Raupe in ihrem Kokon zurück aufs Kissen fallen. Jetzt konnte eigentlich nichts passieren. Eigentlich.

"Mama?" Obwohl seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern war, wirkte sie wie ein Donnerschlag in der Stille.

Er hörte leise Schritte im Flur. Dann erschien Mama in der Tür. "Ich dachte, du schläfst schon längst."

Ben zog die Decke ein kleines Stück herunter. "Kann nicht."

Sie kam herein und setzte sich auf die Bettkante. "Und warum nicht?"

Ben rückte näher zu ihr. Er sah zur Bettkante. Mama folgte seinem Blick.

"Ach", sagte sie.

Ben nickte ernst. Er warf ihr einen Blick zu. 

Sie wusste ganz genau, was er meinte. 

"Das Monster." Ben deutete nach unten. "Unterm Bett."

Mama beugte sich ein wenig vor und betrachtete den dunklen Spalt zwischen Bettgestell und Boden. Dann richtete sie sich wieder auf. "Und du möchtest, dass ich nachsehe."

Ben nickte.

Sie legte den Kopf schief, als müsse sie sehr gründlich darüber nachdenken. "Hm. Ich glaube, ich habe eine bessere Idee."

"Welche?" Ben runzelte die Stirn.

"Wir spielen ein Spiel."

"Jetzt?"

"Jetzt."

"Was für eins?" Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

"Du musst mich fangen." Mama ging rückwärts zur Tür.

"Das ist unfair." Ben schob die Decke beiseite.

"Wieso?"

"Weil du schon stehst."

"Dann solltest du dich beeilen." Sie drehte sich um.

"Hey!" Ben sprang aus dem Bett. Seine nackten Füße patschten auf das Laminat, gerade als Mama aus dem Zimmer verschwand. Er raste hinterher. 

"Ich krieg dich!" Ben war dicht hinter ihr.

"Niemals!" Sie huschte um den Wohnzimmertisch. 

Ben nahm die andere Seite. Für einen Moment standen sie sich gegenüber, der Tisch zwischen ihnen. Mama machte einen Schritt nach links. Ben ebenfalls. Sie nach rechts. Ben nach rechts.

"Du schummelst!", rief er und begann zu lachen.

"Ich? Niemals!" Sie täuschte noch einmal nach links an und rannte dann in die Küche. 

Ben quietschte vor Empörung und jagte hinterher. Einmal um die Kochinsel. Zurück in den Flur. Vorbei am Badezimmer. Ben war schnell. Aber Mama war schneller.

Jetzt lachte Ben so sehr, dass ihm beim Rennen fast die Luft ausging. Seine Angst war irgendwo auf dem Weg verloren gegangen. Mama flitzte wieder Richtung Kinderzimmer. Ben hinterher.

Sie erreichte sein Zimmer, lief hinein und blieb nur einen winzigen Moment vor seinem Bett stehen. Ben sah das Grinsen in ihrem Gesicht. Dann ließ sie sich plötzlich auf Hände und Knie fallen, duckte sich und verschwand unter dem Bett.

"Mama!" Ben warf sich auf den Boden und kroch ihr ohne zu zögern hinterher. "Ich hab dich gleich!"

"Niemals!" Ihre Stimme kam lachend von der anderen Seite.

"Warte!" Er sah ihre Füße auf der anderen Seite verschwinden.

Ben kroch unter dem Bett hervor und erwischte Mama gerade noch am Hosenbein. "Hab dich!"

Sie verlor mit einem dramatischen Aufschrei das Gleichgewicht und ließ sich aufs Bett fallen. "Oh nein! Besiegt!" 

Ben warf sich auf sie. "Ich hab gewonnen!"

Sie lagen nebeneinander auf dem Bett. Ben lachte. Mama lachte. Und irgendwann wusste keiner von beiden mehr, worüber sie eigentlich lachten.

Mama zog ihn an sich und küsste ihn auf die Stirn. Ben schmiegte sich gegen ihre Schulter. Er roch den Duft des Kakaos, den sie heute zusammen gekocht hatten. Ihre Hand strich langsam über seinen Rücken. Sein Atem wurde ruhiger. Dann fiel sein Blick auf die Bettkante.

"Mama?"

"Hm?"

Er sah noch immer zur Kante. "Ich war da gerade drunter."

"Mhm." Mama sah ihn an.

Ben dachte nach. Dann richtete er sich ein kleines Stück auf. "Da war gar nichts."

Mama lächelte. "Nein."

Vorhin war der dunkle Spalt zwischen Bett und Boden noch wie ein Loch gewesen, in dem alles Mögliche wohnen konnte. Jetzt war es einfach nur der Platz unter seinem Bett.

"Jetzt schlaf, mein Liebling." Mama zog ihm die Decke bis unters Kinn und küsste ihn nochmal auf die Stirn.

Ben schloss die Augen und um ihn wurde es dunkel. 


"Psst."

Ben war schon fast eingeschlafen. Seine Gedanken waren verschwommen. Irgendwo zwischen dem Duft von Kakao und... Sonnenblumen?

"Psst. Ben."

Jetzt war er hellwach. Sein Atem wurde leiser, als könnte er besser hören, wenn er selbst keinen Laut machte.

"Ben. Hier drüben." Die Stimme kam aus dem Plüschtierhaufen.

Der Hase saß noch immer ganz außen an der Bettkante. Daneben waren der Drache und der Fuchs ineinandergerutscht. Weiter hinten lagen die Bären halb übereinander. Und mitten zwischen ihnen war etwas, das vorher ganz bestimmt noch nicht dort gewesen war. Etwas Rosafarbenes.

"Hier", flüsterte es.

Eigentlich war es kaum zu übersehen. Es war knallrosa, wie Kaugummi. Seine Ohren waren riesig. Fast so groß wie die eines Elefanten, nur viel länger und an den Spitzen mit langen Fellbüscheln versehen. Wie bei diesem Tier, das Mama ihm einmal in einem Buch gezeigt hatte. Wie hieß es noch? Irgendwas mit L. Ben kam nicht drauf.

Der Rest des Wesens war zwischen seinen Plüschtieren vergraben. So tief, dass Ben nur die großen Ohren und ein Paar gelbliche Augen sehen konnte.

Katzenaugen, dachte Ben.

Sie blinzelten ihn an.

"Wer bist du?", fragte Ben.

"Mein Name ist nicht wichtig." Eine kleine Pause. Dann sagte die Stimme mit hörbarem Stolz: "Aber ich bin ein Muzzelchen."

Ben dachte kurz nach. "Was ist ein Muzzelchen?"

Die Ohren stellten sich auf. "Waaas? Du hast noch nie von uns gehört?"

Ben schüttelte den Kopf.

Die Augen zwischen den Plüschtieren wurden groß. "Wir Muzzelchen sind Zauberwesen. Du weißt doch, was Zauberwesen sind, Ben?"

Ben nickte. Natürlich kannte er Zauberwesen. Drachen waren Zauberwesen. Feen auch. Und Hexen, die mit ihren Besen durch die Luft flogen. Muzzelchen offenbar auch.

"Wir sind Angstfresser", sagte das Muzzelchen.

Ben runzelte die Stirn. Das erschien ihm doch etwas sonderbar. Aber wenn Feen Wünsche erfüllen können, warum sollten Muzzelchen dann nicht auch Angst essen können?

"Und wir gehen zu Kindern, wenn sie uns brauchen." Die gelben Augen wanderten zur Bettkante. Dann wieder zu Ben. "Du brauchst mich doch? Nicht wahr, Ben?"

"Wegen dem Monster."

"Wegen dem Monster."

Ben deutete nach unten. "Es ist unter meinem Bett."

"Ach." Das Muzzelchen sagte es ganz ruhig. Fast so, als wäre ein Monster unter dem Bett nichts Besonderes.

Ben rückte ein Stück näher an den Plüschtierhaufen. "Mama sagt, da ist keins. Sie ist sogar drunter durchgekrochen. Ich auch."

Für einen Moment sagte das Muzzelchen nichts. Nur seine Ohren bewegten sich. Dann kam ein leises: "Hmm."

Ben wartete.

"Dann hat es sich wohl gut versteckt."

Ben sah zur Bettkante. Jetzt dachte er wieder an lange Finger. An Krallen.

Die Ohren des Muzzelchens zuckten leicht. "Aber deshalb bin ich ja hier."

Ben sah zurück. "Du beschützt mich?"

"Das ist meine Aufgabe."

"Auch vor großen Monstern?"

"Vor allen Monstern."

"Und mit Krallen?"

Die Katzenaugen wurden schmal. "Die sind meine Spezialität."

Ben entspannte sich ein wenig und drehte sich zur Seite. Mit dem Muzzelchen an seiner Seite würde er sicher endlich schlafen können.

"Ach, übrigens, Ben."

Er drehte sich wieder zum Muzzelchen. "Hm?"

"Du musst dir wegen deiner Füße keine Mühe geben."

Ben blieb still.

"Die Krallenhand kann sie auch greifen, wenn sie unter der Decke sind."

Bens Augen weiteten sich. Er starrte auf den Plüschtierhaufen. Zwischen Drache und Fuchs sah er nur die beiden gelben Augen. Ganz langsam zog Ben die Beine an. Näher an seinen Bauch. So weit weg von der Bettkante, wie es nur ging.

"Schlaf schön, Ben", flüsterte das Muzzelchen.

Ben schloss die Augen. Es dauerte sehr lange, bis er einschlief.



"Psst, Ben."

Die Sonnenblumen um Ben verblassten. Gerade noch hatten sie höher als Häuser in einen strahlend blauen Himmel geragt. Jetzt wurde das Gelb grau, der Himmel schwarz, und irgendwo zwischen Traum und Wachsein hörte Ben wieder die Stimme.

"Psst, Ben. Aufwachen, schnell."

Schlaftrunken öffnete er seine Augen und suchte im Dunkeln nach dem Muzzelchen. "Ja?"

"Augen zu!"

Mit einem Schlag war seine Müdigkeit verschwunden. Er kniff die Augen zu. Ganz fest.

"Hör zu, Ben. Egal was passiert, du darfst deine Augen nicht öffnen. Wenn du es ansiehst, wird es nur stärker. Hast du verstanden, Ben?"

Er schluckte, brachte aber keinen Ton heraus. Stattdessen nickte er nur. Seine Finger klammerten sich an die Bettdecke.

"Gut." Die Stimme des Muzzelchens klang plötzlich tiefer. Viel tiefer. "Da kommt es nämlich."

Als hätte etwas nur darauf gewartet, erklang unter seinem Bett ein Geräusch.

Schrrr...

Bens Herz setzte für einen Schlag aus.

Schrrrr...

Etwas kratzte über den Boden. Ganz langsam.

Schrrrr...

Es klang, als würde sich etwas Schweres unter seinem Bett hervorzwängen und dabei mit langen Krallen über den Boden schaben.

Ben kniff die Augen noch fester zusammen. So fest, dass es beinahe weh tat. 

Er wollte nach seiner Mama rufen. Er öffnete den Mund, doch kein Laut kam heraus. 

"Ganz ruhig. Ich bin da. Solange ich bei dir bin, kann dir nichts passieren, Ben." Die Stimme des Muzzelchens kam nicht mehr aus dem Plüschtierhaufen, sondern von irgendwo über Bens Kopf. 

Das Kratzen verstummte. Stille. 

Ben lauschte. Vielleicht war es weg. Vielleicht hatte das Muzzelchen es verscheucht. Vielleicht...

Etwas packte seine Decke. Ein heftiger Ruck ging durch den Stoff. Ben klammerte sich daran.

Noch ein Ruck. Stärker diesmal.

Ben wollte schreien. Er schrie. Er wusste, dass er schrie. Aber das Zimmer blieb vollkommen still.

Die Decke glitt ihm aus den Händen. Das Etwas riss sie von seinem Körper. Ben zitterte. Sein Herz raste, als wolle es jeden Moment in tausend Splitter zerspringen.

"Keine Angst. Ich lasse nicht zu, dass er dir etwas tut, Ben." 

Ben hörte die Worte nicht mehr mit seinen Ohren. Sie waren direkt in seinem Kopf. Tief darin.

Warme Tränen liefen über seine Wangen. Er wollte um sich treten, sich zusammenrollen, eine Hand heben, nur den kleinen Finger... Irgendwas. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Er konnte nur reglos auf dem Bett liegen. 

Dann berührte etwas seinen Fuß. Finger schlossen sich darum. Lange Finger mit zu vielen Gelenken. An ihren Spitzen spürte er etwas Kaltes, Hartes über seine Haut kratzen.

Krallen.

Das Monster zog. Doch Bens Körper bewegte sich keinen Millimeter. Es zog noch einmal. Härter. Nichts geschah.

Ein Fauchen kam vom Fußende. Tief und nass. Das Bett knarrte. Das Wesen zerrte an ihm, doch Ben blieb liegen, als hätte ihn jemand an die Matratze genagelt.

Dann griff eine zweite Hand nach seinem anderen Fuß. Beide packten zu. Zogen. Das Monster fauchte. Zog stärker. Noch stärker.

Ben atmete flach und heftig. Er spürte, wie sich eine warme Nässe zwischen seinen Beinen ausbreitete. 

"Siehst du? Ich beschütze dich, Ben." 

Die Stimme hallte wie ein Echo in seinem Kopf.

Das Monster ließ seine Füße los. Für einen einzigen Herzschlag glaubte er, es wäre vorbei.

Dann legten sich Finger um seine Hand. Mager und hart. Nur Knochen und tote Haut.

Sie zogen. Sein Arm blieb liegen.

Eine Hand packte seine Hüfte. Zog. Nichts.

Finger schlossen sich um seinen Knöchel. Seine Schulter. Sein Handgelenk.

Immer wieder griff das Monster nach ihm. Immer wieder versuchte es, ihn aus dem Bett zu ziehen. Und immer wieder hielt etwas Ben fest.

"Siehst du?" Die Stimme klang zufrieden. "Es kann dich nicht haben, Ben."

Dann spürte Ben die Krallen, scharf wie Messer, an seinem Hals. Sie strichen darüber. Ganz langsam, fast zärtlich. Ben hielt es nicht mehr aus.

Mama hatte gesagt, dass unter dem Bett nichts war. Mama war selbst darunter durchgekrochen. Er war darunter durchgekrochen. Da war nichts gewesen. Nichts.

Das Muzzelchen log. Der Gedanke war plötzlich einfach da.

Ben riss die Augen auf.

Niemand zog mehr an ihm. Das Monster mit den Krallenhänden war verschwunden. Aber etwas war über ihm.

Das Muzzelchen schwebte dicht über seinem Gesicht. 

Für einen Moment verstand Ben nicht, was er sah. Da waren die großen rosa Ohren. Die gelben Katzenaugen. Und darunter...

Ben hörte auf zu atmen. Aus dem Mund des Muzzelchens hing ein Bündel schwarzer, feucht glänzender Schläuche. Sie führten nach unten. Zu ihm.

Einer steckte in seinem Mund. Ein zweiter führte in sein rechtes Nasenloch. Zwei dünnere Stränge verschwanden in seinen Ohren.

Sie waren schon dort. Die ganze Zeit waren sie dort gewesen. Ben hatte sie nur nicht gespürt. Bis jetzt. 

Doch plötzlich fühlte er alles. Den kalten, glitschigen Schlauch auf seiner Zunge. Das leichte Zucken in seiner Nase. Das Kribbeln tief in seinen Ohren. Die Schläuche bewegten sich. Ganz leicht. Sie zogen sich zusammen. Dann wieder auseinander. Als würden sie atmen.

Gluck.

Etwas floss hindurch.

Seine Augen wanderten wieder nach oben. Zum Muzzelchen. 

Es hatte keinen Körper. Nur einen Kopf. Einen riesigen, unförmigen Kopf, der über ihm hing. 

Das rosa Fell reichte ihm nur bis zu den Augen. Darunter war Haut. Nackte, fettige Haut. Zahllose schwarze Warzen überzogen sie. Zwischen ihnen verliefen feine Äderchen unter der Haut.

Sein Mund hatte keine Lippen. Nur einen langen Spalt, der sich fast von einem Ohr bis zum anderen zog. Die Ränder waren wund und ausgefranst. Der Mund stand weit offen. Viel weiter, als ein Mund offen stehen durfte. 

Aus seiner dunklen Tiefe kam der dicke Hauptschlauch hervor, der sich in die dünnen Stränge teilte, welche in Bens Gesicht verschwanden.

Gluck.

Wieder dieses Saugen.

Das Muzzelchen machte ein Geräusch. Ein tiefes, zufriedenes Schnurren. Seine Augen wurden schmal. Der Schlauch in Bens Mund zog sich erneut zusammen.

Gluck.

Und plötzlich wusste Ben, an was ihn das Geräusch erinnerte. Es klang, als würde er Kakao durch einen Strohhalm trinken. Sein Magen drehte sich um.

Angstfresser...

Das Muzzelchen trank. Es trank ihn. Trank seine Angst. Die Angst, die das Muzzelchen erst in ihm hervorgerufen hatte. Es war nicht da, um ihn zu beschützen. Es war da, um sich an ihm zu nähren.

Das Muzzelchen lächelte. Dabei zog sich der feuchte Spalt seines Mundes noch weiter auseinander.

Dann hörte Ben die Stimme. Nicht aus dem geöffneten Mund. Sondern direkt aus seinem Kopf. Sanft. Fast so, wie Mama gesprochen hatte, wenn sie ihn trösten wollte. "Du solltest doch nicht hinsehen, Ben."

Der Schlauch auf seiner Zunge zuckte. Das Muzzelchen sank ein kleines Stück näher.

"Mach die Augen wieder zu, Ben."

Er gehorchte und ließ sich von der Dunkelheit verschlucken.


Ben öffnete die Augen.

Das Licht der aufgehenden Sonne verlieh seinem Kinderzimmer einen goldenen Glanz. Er hörte das leise Summen seiner Mama. Dazu kam das Klappern von Geschirr aus der Küche und der Duft von Rührei, der bis in sein Zimmer zog.

In seinen Augenwinkeln klebten kleine Krümel Schlafsand, und sein Kopf fühlte sich schwer an, irgendwie vernebelt, als hätte er viel zu lange geschlafen.

Dann erinnerte er sich. Die Krallen. Die Schläuche. Das Muzzelchen über seinem Gesicht.

Ben setzte sich so schnell auf, dass ihm für einen Moment schwindelig wurde. Er fuhr mit seinen Fingern vorsichtig über sein Gesicht. Über die Wangen. Die Nase. Den Mund. Alles war da. Alles fühlte sich normal an. Ben atmete aus.

Dann erinnerte er sich an noch etwas. An die Wärme zwischen seinen Beinen. Langsam sah er nach unten. Sein Schlafanzug und sein Bett waren trocken. Nichts, auch dieser beißende Geruch war nicht da.

Aber er hatte es doch gespürt. Ganz sicher.

Vielleicht... Vielleicht hatte er nur schlecht geträumt. Mama sagte immer, Träume könnten sich manchmal echt anfühlen. Sehr echt.

Dann fiel sein Blick auf den Plüschtierhaufen neben ihm. Das Muzzelchen war weg. Er hob den Hasen, den Drachen... unter dem Drachen lag etwas. Knallrosa wie Kaugummi. Ein kleines Büschel Fell. 

Ben betrachtete es einen Moment.

Dann rief Mama aus der Küche: "Ben? Bist du wach? Frühstück ist gleich fertig!"

"Komme!" Sein Magen knurrte. Er sah immer noch auf das rosa Bündel hinab.

"Ben?"

"Jaaa!" Er lief zu Mama. 

von Belinda Ebener

Gespräch

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